Schwarze Tinte


„Die Indifferenz hat zwei Aspekte: den undifferenzierten Abgrund, das schwarze Nichts, das unbestimmte Lebewesen, in dem alles aufgelöst ist – aber auch das weiße Nichts, die wieder ruhig gewordene Ober-fläche, auf der unverbundene Bestimmungen wie vereinzelte Glieder treiben“.

(Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung)


Die Inks, die Folds und die Fragments sind drei eigenständige Werk-komplexe, die jedoch miteinander verwandt sind. Die Inks entstehen mithilfe eines Airbrushes, der mit seinem Luftstrom schwarze Tinte über eine industriell vorgrundierte, aufgespannte und horizontal platzierte Leinwand treibt. Die Resultate dieses Prozesses, die erstarrten Tintenflüsse, verweisen auf die zuvor im Luftkompressor gespeicherte und nun freigesetzte Energie. Diese Aufzeichnungen nunmehr abwesender Kräfte erinnern an Manuel de Landa, der in seiner Publikation A Thousand Years of Non-Linear History (1997) ein „Fließen von Lava, Biomasse, Genen, Memen, Normen, Geld… als Ursprung jeder nur erdenklichen stabilen Struktur, die wir kennen und verehren“ beschreibt. Vergleichbar mit de Landas Strömen ist auch der Fluss der Tinte unberechenbar, obwohl seine Entwicklung bis zu einem gewissen Grad kontrolliert werden kann.

Ausgangspunkt der Folds ist eine zerknüllte Leinwand, die stellenweise zusammengebunden und mit Klebeband auf dem Fußboden fixiert ist. Wieder kommt ein Airbrush zum Einsatz, er versprüht einen dichten schwarzen Nebel, ein tintiges Mikroklima, das sich in Schwaden über die zerklüftete Berglandschaft der Leinwand legt. Die höchsten Spitzen, die dem Pigmentsturm am meisten ausgesetzt sind, werden mit einer schwarz-invertierten „Schneekappe“ überzogen, während die in den Falten verborgenen Schluchten weiß bleiben. Ist die Leinwand anschließend aufgezogen und wieder geglättet, sind der einzige sichtbare Hinweis auf den Prozess, dem sie unterzogen wurde, die Ablagerungen der Pigmente, eine Kartierung der dreidimensionalen Verformung, der Faltungen und Bindungen.

Sowohl die Inks als auch die Folds verweisen auf George Batailles „Anti“-Konzept Informe (formlos), das all das umschließt, was über das Rationale und mathematisch Kalkulierbare hinausgeht, oder, wie er es ausdrückte: „Formlose Massen, die aussagen, dass das Universum eher mit einer Spinne oder mit Spucke vergleichbar ist“.

Der dritte Werkkomplex ist ebenfalls auf das buchstäblich Niedrige und Horizontale, in Verbindung mit Zufallsprozessen, gegründet. Für die Fragments werden Staub, Schmutz und eine Vielzahl anderer Abfallprodukte vom Atelierfußboden aufgesammelt und auf weißem Untergrund neu fotografiert. Die resultierenden Fotografien werden digital weiter bearbeitet, Texte und typografische Elemente hinzugefügt und schließlich mit Tintenstrahl in schwarzweiß auf weißes A2-Papier gedruckt.

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