das Barockhaus


die Falten in der Seele und die
Faltungen der Materie
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das Barockhaus: die Falten in der Seele und die Faltungen der Materie



Nach über 30 Jahren in Radolfzell-Möggingen zog Galerie Vayhinger 2014 ins nahegelegene Singen um. Dort renovierten die Vayhingers ein mehrstöckiges Haus und richteten im Erdgeschoß die Galerie ein, während die obere Etage ihr privater Wohnbereich ist.


Eine ähnliche Anordnung betrachtet Gilles Deleuze in seiner Publikation Die Falte. Leibniz und der Barock: Er benutzt ein zweistöckiges Barockhaus als Sinnbild für den menschlichen Leib und die Seele; die Schnittstelle zwischen den zwei Etagen stellt eine Falte dar, die die Beziehung zwischen den offenen Gemeinschaftsräumen der unteren Ebene und einem abgeschlossenen Privatzimmer im Obergeschoss reguliert. Die obere Etage beschreibt er als eine „dunkle, fensterlose Kammer, die mit einer aufgespannten, durch Falten differenzierten Leinwand dekoriert“ ist. Die Falten repräsentieren das uns immanente Wissen; sie sind die Falten in der Seele. Die untere Etage ist von mehreren Fenstern und Türen durchbrochen: den fünf Sinnen. Die durch die Öffnungen eindringenden Eindrücke aus der äußeren Welt werden vom Raum umhüllt; so entstehen die Faltungen der Materie. Die zwei Etagen kommunizieren in Form von Schwingungen, wobei die im Untergeschoss visuell wahrnehmbaren Bewegungen akustisch in den oberen Bereich weitergeleitet werden, wo die Töne nachklingen wie in einem Musiksalon.


Tim Beebys Ausstellung ist ein malerisches Raumkonzept, bestimmt von der Architektur und eine Intervention in die Räumlichkeiten der Galerie. Die Räume werden in eine „fensterlose Kammer“ verwandelt, wie es Deleuze in seinem Buch beschreibt. Malereien aus der Serie Folds, die Formate von der Größe der Öffnungen bestimmt, sind in Fenster- und Türrahmen eingelassen, die sie komplett verschließen – nur eine einzige Türöffnung bleibt frei, durch die der Raum betreten werden kann. Der Raum steht nicht nur in Beziehung zu Deleuzes Konzept, sondern verweist zudem auf die in der Tradition der westlichen Malerei stehenden Vorstellung vom Bild als Fenster. Anstatt jedoch ein optisches Fenster an die Wand zu bringen, ersetzen die Folds das architektonische Fenster durch eine neue malerische Realität. Dazu kommt ein speziell entworfener großer Esstisch, der, wie die Malereien, vor Ort produziert wurde. Die gesamte Installation verstärkt die Idee der Galerie als Gemeinschaftsraum und wird von den Galeristen während der Dauer der Ausstellung in diesem Sinne aktiviert und für private und öffentliche Veranstaltungen benutzt. Die Existenz einer Privatsphäre im oberen Bereich ist den Besuchern zwar bekannt, sie bleibt aber – wie Deleuzes Obergeschoss und die Seelen anderer Menschen – für uns verschlossen.

Installationsansichten:
Tim Beeby – das Barockhaus
14. Januar – 19. Februar 2017, Galerie Vayhinger

TIM BEEBY

MALERISCHES RAUMKONZEPT

14.01. – 19.02.2017

Galerie Vayhinger

Schaffhauser Str. 22 / 78224 Singen (D)

T + 49 (0)7731 / 976 16 40

 
Presseartikel >>>Barockhaus_Presseartikel.html